RX Bandits im Grünen Jäger

22. Juni 2010 by

Die Rahmenbedingungen hätten schlechter nicht sein können: „Das hätte im Hafenklang statt finden müssen“, sagt ein Fan, „wer spielt denn im Grünen Jäger. Im Grünen Jäger hatten wir unsere Abschlussparty. Aber doch nicht die RX Bandits!“ Sie sind groß, hört man da raus. Sie hätten mehr verdient.
Aber von vorne. Die Vorband Moneen hat auch mit Alexisonfire schon eine Demo eingespielt. Sie braten los für die handvoll Leute, dass uns die Ohren an die nahen Wände fliegen. Und das gefällt. Bei der Energie macht Punkrock Spaß, der Gitarrist springt von der Bühne und schmiegt seine Gitarre an die gegenüberliegende Wand, dass die Gäste etwas erschrocken zur Seite stolpern. Im Moshpit zwei enthusiastische Zuhörer, die unablässig pogen und toben. „Wir kennen euch gar nicht“, antworten sie auf die Frage des Sängers, welchen Song sie gerne hören würden. Die Stimmung ist da und jetzt sind es auch die Leute – der Raum füllt sich. Denn gleich beginnt ja erst das Konzert so richtig, bloß noch nicht auspowern, gleich spielen die RX Bandits. Die talentierten aus OC, Kalifornien. (Das kennt man aus dem Fernsehen. Da lief auch gute Musik.)

Jetzt sind sie dran und sie versuchen sich am Soundcheck und es funktioniert nicht: die Gitarre kann nicht angeschlossen werden, eine neue wird ausgepackt, der dreistimmige Gesang kommt aus einem Kanal und sie hören sich nicht, man hört sie nicht, Sänger Matthew Embree ist scheinbar betrunken und Gitarrist/Keyboarder Choi ist unglücklich. Vielleicht guckt er auch einfach immer so verbissen, er muss sich schließlich konzentrieren. Einzig der Schlagzeuger scheint sich wohl zu fühlen, sobald er seine komplexen Grooves gen Publikum schleudern darf. Der kleine, dunkle Raum kocht, er ist jetzt brechend voll, die Banditen spielen den Anfang ihres Sets. Was man davon hört, ist Brei. Vielleicht wäre das Hafenklang besser gewesen. Vielleicht brauchen sie Platz, um sich zu entfalten. Eine hochwertige Anlage, ein Publikum, das sie wirklich versteht. Die Fans sind auf ihre eigene Art jedenfalls begeistert, verfolgen nickend die virtuosen Riffs und Soli, das geht ja auch mit den Augen, wenn aus den Boxen schon keine Höhen und Tiefen kommen. Singen mit, vor allem bei den Songs vom neuen Album sind sie bereit, alles zu geben. Zum Teil selbst zugedröhnt geben sie sich den hörbaren sphärischen Klängen des Keyboards und dem grollenden Schlagzeug, den provokanten Texten von Embree und dem… äh… gelangweilten Bassisten hin. Da ist Stimmung in den ersten drei Reihen, so viele Reihen passen hier ja leider gar nicht rein. Manche Zuschauer sind nicht zugedröhnt und schauen sich ein bisschen ratlos um. Doch, die sind echt gut, technisch haben die echt was drauf. Sie sind einfach so… progressiv!
Das muss man nicht kaufen. Mag sein, dass die RX Bandits großartige Konzerte gegeben haben, fabelhafte Platten veröffentlicht. Aber von der Bühne kommt hier einfach – nichts. Keine motivierenden (/störenden!) Ansagen unterbrechen das Set, kein Augenkontakt ermutigt das Publikum, kein Funke springt über. Im Gegenteil versucht Embree mit Zeichensprache, innerhalb der Band den Ablauf zu klären, was eher länger dauert als eine Ansage. Das einzige, worauf sie sich jetzt wahrscheinlich freuen, ist das nachkonzertriche Bier oder am besten etwas Härteres. Ein enttäuschendes Konzert für viele – die Musiker schlucken ihren Frust, sie sind ja professionell, aber dem Publikum kommt das nicht zugute. Ein so eiskalte Stimmung verbreitender Event ist wahrlich eine Seltenheit. Fast könnte man das auf die Plus-Seite schreiben, bei „Stimmung erzeugt“: Urängste geweckt, Einsamkeit erspielt, Bedrückung kreiert. Sie singen schließlich über ernste Sachen. Sind politisch.
Das macht nicht unbedingt Spaß. Die Zugabe hätten sie auch ohne Applaus und Rufe gespielt. Die Merchandise-T-Shirts sind schön, wirklich schade, dass es sich nicht lohnt, an dieses Konzert erinnert zu werden.

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Electronic Beats Festival im Kölner E-Werk

27. Mai 2010 by

Wer sich nach dem Donnerstagabend im E-Werk noch fragt, woher das Geld für Events wie das Electronic Beats Festival kommt, der ist blind, taub und wahrscheinlich nicht nüchtern. Der magenta Telefonanbieter und diverse Co-Unternehmen sind wirklich allgegenwärtig. Mit all den hübschen Helferlein, die auf verschiedenste Art und Weise (markt-)forscherisch tätig sind, wird man die ein oder andere E-Mailadresse schon los.

Aber so funktioniert es eben mit dem Sponsoring und für das nicht zu verachtende Line-Up nimmt man ja auch gerne mal an ein paar Online-Befragungen teil. Schließlich bekommt der zahlende Liebhaber elektronischer Popmusik heute mit Acts wie Little Dragon, Turboweekend, Kele Okereke, Miike Snow oder Moderat für relativ wenig relativ viel geboten.

Wobei der letzte Programmpunkt mit den energiegeladenen Major Lazer und ihren Jamaica-Beats wohl ziemlich bedacht gewählt ist, denn nach sieben Stunden Electro-Wummerei mitten in der Woche braucht es schon einiges an Temperament, um die müden Studentenhorden zu ein wenig Enthusiasmus zu bewegen. Läuft aber mit so einem Frontmann – Schnaps und Mädels auf der Bühne, sexy tanzen, Publikum wach.
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Ganz anders eins vorher. Moderat, alias Modeselektor plus Apparat, erzeugen jubelnde Resonanz weniger durch ihre Show, die zwar nette Visuals bietet, aber ansonsten eher statisch bleibt. Ein bisschen Kraftwerk, wie die drei da so nebeneinander an ihren Laptops stehen. Ziemlich gut. Hau drauf-Techno trifft melodiösen Elektropop funktioniert eben auch noch nach sieben Jahren gemeinsamer Arbeit, trotz oder gerade wegen der jeweiligen Einzelambitionen – weiß man nicht.

Jedenfalls sind Moderat qualitativ eindeutig Headliner des Abends und übertreffen dabei sogar die gehypten Miike Snow, die zwar mit ihrer Bastelerfahrung überzeugen – immerhin geht einiges (gutes) Top-Ten Material der vergangenen Jahre auf ihr Konto – doch auf der Bühne die eigenen Stücke nicht so richtig reißend rüberbringen können. Wahrscheinlich ein natürlicher Nebeneffekt perfekt produzierter Popmusik – die braucht Performer. Schlecht ist zwar was anderes, nur berauschend eben auch.

Vielleicht hätte der Auftritt auch einfach besser ins Freie gepasst, da tummelt sich bei bestem Biergartenwetter nämlich alles, was in Köln um die Indie/Electro-Szene so zu finden ist. Hier hätte man bestimmt gerne ein wenig mehr musikalische Untermalung gehabt als das externe Scheibenrumpeln durch die jazzigen Little Dragon und Turboweekend, die im Anschluss die Laune schon mal auf Dance polen. Grillgut und plauschen regen aber auch nicht gerade zum ausrasten an, deshalb bleibt der Abend für die meisten eher entspannt – mit gutem Rahmenprogramm.

Varekai – Premiere des Cirque du Soleil in Köln am 12.05.2010

20. Mai 2010 by

Gratis Popcorn und Softdrinks – so wird man doch gern empfangen! Zur Premiere des Cirque du Soleil mit seinem märchenhaften Programm Varekai ist das Zelt an der Gummersbacher Straße in Köln fast komplett gefüllt. In den 80ern von zwei Straßenkünstlern gegründet, hat sich der Zirkus der Sonne schließlich auch zum bekanntesten Zirkus der Welt gemausert, mit Aufführungen auf allen Kontinenten.

Als es dann endlich – etwas verspätet – losgeht, verstummt beinahe sofort jegliches Popcorn-Geraschel: auf der Bühne türmt sich im hinteren Teil ein Bambuswald aus goldenen Stäben auf, verworrene, bewachsene Stege führen in die Höhe bis unter das Dach des Grand Chapiteau. Auf der Bühne kehrt langsam Leben ein: grüne Kreaturen kommen heran gekrochen, es gibt allerlei farbenprächtige Gestalten bis hin zu kleinen stacheligen Kugeln zu sehen.

Das artistische Programm der Show wird grob in die Geschichte des Ikarus, der dem Himmel zu nahe kommt, eingebettet. Er landet nämlich in einer Märchenwelt voller fantastischer und schöner Kreaturen, die ihre Kunststücke vollführen, als gäbe es keine Schwerkraft. Doch zunächst tritt der wohl unvermeidliche „Clown“ auf, bei Varekai in Form eines verrückten Wissenschaftlers, der Zeichen aus dem Himmel empfängt und dabei alles in aberwitzige Töne umsetzt. Auch wenn man versucht, sich dagegen zu wehren: ein bisschen schmunzeln muss man schon, und es sei ihm gegönnt, schließlich verzichtet er wenigstens auf die rote Nase. Überhaupt findet man einige vermeintlich typische Zirkuselemente wieder, jedoch meist köstlich persifliert: so vermasselt der Zauberer nicht nur jeden Trick, sondern wird dabei auch noch von seiner Assistentin, den Lichttechnikern und am Schluss sogar seinem Hasen verhöhnt und an der Nase herum geführt. Aber auch mit faszinierend schönen Momenten geizt der Cirque du Soleil in seinem fast zweieinhalb stündigen Programm, das man noch bis zum 06. Juni bestaunen kann, nicht. Sei es der Wissenschaftler, der einen magisch schimmernden und fluoreszierenden Mini-Zeppelin hinter sich herzieht, die weiß gekleidete Dame, die an den Luftringen durch das Zelt turnt oder eines der Highlights: der Tanz der Figuren im Dunklen, wobei jede Kreatur über und über mit Lichtern besetzt ist, alles untermalt von der passenden Live Musik.

Wunderschön anzusehen sind aber definitiv auch die Artistik-Nummern am Dreier-Trapez oder die Darbietung auf den russischen Schaukeln, wobei die Akrobaten durch die Lüfte katapultiert werden, dabei mehrere Saltos vollführen und anschließend „einfach“ aufgefangen werden und man sich fast nicht traut, hinzusehen. Und wenn sich schließlich der junge Ikarus in eine Raupe verliebt, die dann zum Schmetterling wird und mit ihm hoch in den Himmel fliegt, ist auch das Happy End perfekt und dem tosenden Schlussapplaus steht nichts mehr im Wege. Premiere gelungen!

Black Rebel Motorcycle Club in der Essigfabrik

6. Mai 2010 by

Sowas wie ein Rock’n’Roll Konzert, tatsächlich?! Beim Reinkommen wird sofort klar, wo wir sind – und zwar auf dem Konzert einer der wenigen Bands, die heute noch ganz ohne Ironie und Lächerlichkeit ihr dreckiges Image pflegen. 80 Prozent schwarze Lederjacken stehen in der Essigfabrik in Köln und langweilen sich gerade noch zum letzten Lied der Vorgruppe Zaza. Nicht unbedingt zu Recht, aber es ist ein hartes Los als eher poppiges Duo aus ‚trendy‘ Brooklyn vor 1200 Rockfans – KÖLNER Rockfans – für Black Rebel Motorcycle Club eröffnen zu müssen/dürfen. Zaza können heute nicht viel reißen, leider.

Dafür BRMC! Ohne Worte. Im wahrsten Sinne, denn die drei quatschen nicht viel. Aber das müssen sie anscheinend gar nicht. Dunkler Auftritt und Lippenstift auf der Wange geben die Richtung an und nach anfänglicher, lokaltypischer Nonchalance dampft das Publikum beim vierten Song „Bad Blood“ nicht mehr nur wegen der verbreiteten und durchaus tolerierten Missachtung des Rauchverbots in der Halle. Wenigstens der Medi-Moshpit vor der Bühne, in den sich auch Robert Levon Been zwischenzeitlich einmal wirft, hat die Arme oben und schreit bis zum Ende. Ab und zu lässt sich jemand rumtragen und verspritzt Bier. Drumrum wird gewippt – und geraucht.

Die gut gemischten alten und neuen Hits der Kalifornier verfehlen auch bei diesem Rest zu vorgerückter Stunde bald nicht mehr ihre Wirkung. Die Stimmung entfaltet sich halt langsam und Black Rebel Motorcycle Club lassen sich dafür auch genüsslich Zeit: beinahe zwei Stunden reine Spielzeit und spätestens bei „Weapon Of Choice“, „Berlin“ oder natürlich „Whatever Happened To My Rock & Roll“ haben sie das gesamte Publikum am Haken. Dem grundlegenden 4/4-Takt, ausdauernd von Leah Shapiro für die zwei Frontmänner auf die Bühne geknallt, kann sich mit der passenden  Lichtshow auch an einem Montagabend kaum jemand entziehen.

Sogar die neuen Sachen von „Beat the Devil’s Tattoo“ kommen mit persönlichem Appeal viel reizvoller als auf der Platte: düster, hypnotisch, treibend. Und trotzdem mit dem gewissen Glamour, der zeitweilig sogar an 80er Poser-Metal erinnert. Doch immer mit dem suggerierten Gefühl, als Publikum jederzeit austauschbar zu sein. Das ist gewollt – von beiden Seiten. Denn ohne vorgetäuschtes Desinteresse funktioniert Rock’n’Roll eben nur halb so gut und hätte auch den Black Rebel Motorcycle Club wieder nur zum Pop-Event gemacht. So nicht!

Evelyn Evelyn auf Kampnagel

3. Mai 2010 by

Hab ich erwähnt, dass ich krank bin?

Endlich, endlich ist es 8 Uhr. Los gehts – und zwar mit dem Vorprogramm, dem experimentellen Sxip Shirey. Shirey legt eine großartige Show hin, bei der er Spielzeug mit Effektgeräten mixt und den Saal zum Feiern bringt. Zumindest in den Köpfen der Zuschauer, denn die Hamburger bleiben heute bis auf ein paar Ausnahmen äußerlich brav in ihren Sitzen sitzen. Kurz schafft es Sxip, von der Neugierde auf den Hauptact abzulenken. Als er fertig ist und seine CD vorgestellt hat („Außen ist sie schwarzweiß, innen bunt – wie ein aufgeschlitztes Zebra!“), braucht es noch sehr viel… sehr sehr sehr viel Aufmerksamkeit und Applaus vom Publikum bis sich langsam, langsam, um in ihrem bodenlangen Kleid auf ihren drei Beinen nicht zu stolpern, Evelyn und Evelyn auf die Bühne trauen.
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Also noch mal. Gibt es Evelyn und Evelyn wirklich? Nein, aber sie haben eine detaillierte Lebensgeschichte und sie stehen vor uns. Was haben Amanda Palmer und Jason Webley mit den beiden zu tun? Die Zwillinge sind ihr Hirngespinst, und gleichzeitig ihre neue Bühnenshow. Man munkelt, dass Amanda das Projekt startete, weil sie Stress mit ihren Produzenten hatte. Sie machte also als jemand anders weiter. Konsequenter ist das wohl noch nie umgesetzt worden. Die ersten Stücke werden mit brüchigen Stimmen, heruntergeschlagen Augenlidern und falschen Tönen vorgetragen. Die Steigerung funktioniert, das Publikum ist begeistert, als nach einigem Aufwärmen die Evelyns zeigen, dass sie tatsächlich singen können. Dabei müssten die beiden Musiker diesen Umweg gar nicht gehen, wie sich später im Programm zeigt. Wer also sind Evelyn und Evelyn? Sehen wir das mal als ein Theaterstück. Amanda Palmer und Jason Webley spielen die siamesischen Zwillinge, Sxip ist ihr Arrangeur, der übertrieben bemüht ist, die Zwillinge mit Schokolade und guter Zurede bei Laune zu halten. Spätestens, als die zweite Evelyn mit sehr tiefer Stimme zu singen beginnt, ist somit das Rätsel um Produzent und Künstler gelöst. Sie erzählen die Lebensgeschichte ihrer Rollenfiguren. Was wir sehen, ist eine musikalische Performance, die sich angeblich Amanda und Jason für die Evelyns ausgedacht haben, damit diese mit ihrem Programm auftreten können.

Drei Tracks vom dazugehörigen Konzeptalbum tragen den Titel „The Tragic Events of September Part I-III“. Das sagt ziemlich viel über den Zustand der Protagonisten aus. Sie beginnen ihre Show mit dem treffend betitelten Song „Evelyn Evelyn“. Darauf folgt das grandiose und beim Publikum bereits beliebte „Have you seen my sister Evelyn?“ Hierauf folgend dürfen zwei Männer aus dem Publikum einen bespannten Rahmen halten, auf dem Sxip, der durch die Show führt, zu den Stimmen der Zwillinge das makabre Schauspiel ihrer Lebensgeschichte als Schattentheater aufführt. Die am häufigsten verwendeten Figuren: ein riesiger Blutfleck und ein Grabstein mit der Inschrift „R.I.P.“. Das Publikum lacht, die demonstrativ heruntergezogenen Mundwinkel der Evelyns zucken bereits. Wir wissen nun, dass Evelyn und Evelyn, siamesische Zwillinge, nach dem Tod ihrer Eltern wie Hühner auf einer Geflügelfarm aufwuchsen. Eines Tages kommt der Geflügelfarmer nicht zur Fütterungszeit nach Hause. Davon handelt der Song „Chicken Man“, der aus eben diesen beiden Wörtern besteht und ausartet, als die weiblichere Evelyn eine traumatische Erinnerung an das Ereignis hat und immer verzweifelter nach dem Ziehvater zu rufen beginnt. Erst ein Schokoladenriegel, von einem Zuschauer überreicht, kann sie wieder beruhigen. Der Titel „Elephant Elephant“ handelt von siamesisch verbundenen Elefanten, mit denen Evelyn Evelyn in einer Freakshow auf Tour waren. Das Publikum soll mitsingen, scheitert zunächst, bis die Amanda in der Evelyn zum Vorschein kommt und grinsend die Zuschauer anleitet.

Mit Hilfe von Sxip und dem Bühnentechniker wechseln die Evelyns die Instrumente von Stage Piano zu Schlagzeug, Akkordeon, Gitarre und Ukulele. Alles zweihändig und dreifüßig gespielt, versteht sich. Der Country-Song „You only want me ‚cause you want my sister“ ist wie die anderen Stücke inhaltlich makaber-ironisch und dabei stilsicher und rührend performt. Die „aaws“ aus dem Publikum wollen gar nicht aufhören, als Evelyn 1 ihre Schwester unter die Erde bringt, um sich sicher zu sein, dass ihr Geliebter nur sie und nicht ihre (äußerlich…) identische Schwester liebt. Madagaskars Zebra-Dilemma in etwas überspitzter Form.

Ein Highlight ist eindeutig die „Gedächtnisverschmelzung“ der Zwillinge. Sxip kündigt an, die Evelyns würden nun in einen tranceartigen Zustand übergehen, in dem sich ihr Inneres verbinden würde und sie philosophische  deutsche Fragen beantworten würden. Diese konnten vor der Show von den wissbegierigen Gästen auf Zettelchen geschrieben werden. Die Evelyns haben mit der Trance gewisse Schwierigkeiten und schauen immer wieder fragend auf, beugen dann aber brav ihre Köpfe und beginnen mit der ersten Frage. „Was habt ihr zum Frühstück gegessen?“ Bei der Antwort wechseln sie sich bei jedem Wort ab. We – did – not – eat – today – because – we – were – verwirrtes Schweigen, ein Blick auf die Schwester – bad? Eine Frage zu Licht und Quanten bekommt die folgende Antwort: It – is – difficult – with – light – and – quants – and – er… volcano? Die Antworten sind definitiv spontan. Immer wieder verrrennen sich Amanda und Jason auf eine sehr sympathische Art in ihren Sätzen, die Zuschauer freuen sich über so viel Leben von den schüchternen Sänger/innen.
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Das große Finale ist der Ohrwurm „my Space“, bei dem das ganze verrückte Konzept zusammengefasst wird, als Evelyn/Evelyn in sprudelnden Wortspielen die Vorzüge der Internetplattform mySpace besingen, die ihnen angeblich zum Durchbruch verhalf. Die Soundmaschine von Sxip Shirey wird in Gang gesetzt, das Publikum singt lautstark mit: „I just want my Space!“. Gezückte Feuerzeuge finden sich nur wenige, aber die Stimmung ist da. Bei solch zuvorkommenden Zuschauern lassen sich die Schwestern sogar zu einer Zugabe durchringen. Bei „Love will tear us apart“ wird nach langem Probieren, das zartbesaitete Instrument am Körper zu fixieren, mit einer aus dem Kleid auftauchenden dritten Hand gehalten. Eindeutige Botschaft: aus einer werden wieder zwei.

Evelyn und Evelyn sind nach dieser einen Stunde müde und ziehen sich unter lautem Applaus  zurück. Es wird zum Merchandise-Stand gebeten, wo Poster mit Blattgold-Aufdruck, CDs und T-Shirts zu fairen Preisen erworben werden können. Danach folgt erst der zweite Teil der Show: Jason Webley tritt als Jason Webley auf. Jetzt ist er Akkordeonist mit Leib und Seele. Seine rauhe, junge Art kommt seht gut an, das Publikum mag ihn. Viele hatten hierzulande noch nie von Mr Webley gehört, so ist die Show für ihn auch eine große Chance. Dann kündigt er einen weiteren Gast an, das Raunen, das durch die Masse geht, verrät, dass dies der eigentliche Höhepunkt des Abends ist. Dies ist die Hoffnung aller Hergekommenen gewesen, dass Amanda Palmer als sie selbst performen

wird. Halb angezogen stürmt sie die Bühne und beginnt ihr exzentrisches Spiel mit dem Klavier. In der Mitte ihres solo aufgeführten „Missed Me“ von den Dresden Dolls bricht sie hustend ab und fragt augenzwinkernd: „Hab ich eigentlich erwähnt, dass ich auch noch krank bin?“ Der Wahnsinn ihrer Songs scheint sich jedoch nicht auf sie übertragen zu haben. Die junge Sängerin raunt und schreit ihre Seele dem Publikum entgegen, das spätestens ab diesem Zeitpunkt alles für sie tun würde. Ein taktloser Einruf: sie solle doch auf dem Oktoberfest einschenken. Doch Miss Palmer lässt sich darauf ein und beginnt auf wunderschönem Deutsch mit amerikanischem Akzent einen Dialog mit dem Publikum, über Biergärten, über den nächsten Song. Amanda braucht Evelyn nicht, um beliebter zu werden. Aber vielleicht, um einen Teil ihrer überquillenden Energie und Bühnenpräsenz mit jemandem zu teilen – und sei es über zwei Arme, drei Beine und eine Lunge.

13. Ehrenfeld Hopping

21. April 2010 by

Schon früh geht in den beteiligten Lokalitäten des 13. Ehrenfeld Hoppings an diesem Samstag gar nichts mehr. Vor dem Hemmer herrschen karnevalsartige Zustände, um den angekündigten Überraschungs-Act – die Dominik Clayton Band – in der Kölschen Kultkneipe zu sehen. Gefühlt die Hälfte der Gäste steht bereits um halb zehn statt drinnen draußen vor dem Eingang, aber das ist jetzt schon überall der Fall. Auch ohne hoppingspezifisches Abendprogramm.

Für alle, an denen die Veedelsveranstaltung bis jetzt vorbeigegangen ist: Bummelig alle drei-vier Monate gibt es in Ehrenfeld so etwas wie eine große gemeinsame Party mit vielen – den meisten – naja, eigentlich allen nachtlebeninvolvierten Lokalen des Viertels. Denn auch die Bars und Clubs (und – beim etwas jüngeren Night Shopping – auch Läden), die nicht auf dem omnipräsenten Hopping-Pass aufgeführt sind, für den man reich bestempelt Getränke und Eintritte raushauen kann, sind an diesen Abenden überproportional frequentiert.

Heute noch einmal eine Stufe schlimmer – sogar die sonst so stoischen Servicekräfte bei McDonalds kommen kräftig ins Schwitzen, weil sie den Hopper-Horden mit Loch im Magen nur noch das geben können, was gerade zufällig in die Vorratsschienen rutscht. Der Andrang ist durchaus erwünscht, geht es doch um Image, Kulturpflege und das große, fröhliche Miteinander, aber die Masse an Partytouristen und Mitte Februar Hängengebliebenen aus dem Großraum Köln macht die Sache zwischendurch mit Trillerpfeifen und Saufparolen doch ein wenig anstrengend.

Als Ehrenfelder oder zumindest Veedelskundiger weiß man sich jedoch zu helfen. Im Hochbunker z.B. ist es zwar voller als die letzten Male, allerdings sind grölende Gruppen bei der Veranstaltung rund um den Soul weniger präsent. Ausstellung und Party sind viel mehr entspannter Einstieg mit vertretbarem Kampf an der Bar ums Mühlenkölsch. Danach ab ins Gegenüber – die Leostraße ist eben auch eher abseits der gängigen Kneipentour. Trotzdem: die obligatorische Menschentraube vor der aber noch betretbaren Eckbar mit fast schon klischeehafter Vollsicht auf den Colonius. Hier wird das Draußentrinken aber mit Sicherheit auch wegen des Wetters zelebriert, denn der Frühling beschert uns zum Glück schon einen offenen Lederjackenabend ohne Schal und Mütze. Das ist beim Bar-Hüpfen, das auf dem Weg und vor der Tür nicht selten fast unbewusst zum Kiosk-Hopping wird, gern gesehen.

In viele Kneipen muss man sich zwecks Erlebens besonderer Darbietungen dennoch reindrängeln. Wie beispielsweise ins Theaterhaus, wo neben Electro-Pop von lunapark in der Bar, im Saal auch noch Pornokaraoke lockt. Ja, das ist genau das, was man sich darunter vorstellt. Meistens schon angetrunkene Scheinwerferwillige synchronisieren Schmuddelfilmchen mit vorgegebenem „Text“. Die Auswahl an historischem Bildmaterial macht das ganze zusätzlich amüsant, obwohl die starre Publikum-Bühnen-Formation nicht richtig zur Stimmung passen will.

Und so geht es bei ungefähr jedem weiter –  ob nun der Hopping-Abend geplant, anstrukturiert oder vollkommen intuitiv gestartet ist: Getränke werden bestellt, Bekannte getroffen, Zieldiskussionen geführt, aufsuchbare Toiletten verlangt, Hopping-Pässe vertauscht, Telefonate geführt, gequatscht, gesungen und getrunken. Alles, um am Ende auf einer der drei Großveranstaltungen im Artheater, Sensor Club oder in der Papierfabrik zu landen (mit obligatorischer Aussicht auf den Absacker im Underground natürlich), die, dem Abend entsprechend vollkommen überfüllt, das Ehrenfeld-Hopping als kollektive Tanzveranstaltungen auf gleich mehrere Höhepunkte treiben. Schön, wenn man dann nur noch zu Fuß ein paar Meter weiter nach Hause schwanken muss.

Eine kleine Anmerkung: Persönlich schmerzlich vermisst wurde leider der Hopping-Jack. Der tatsächlich reale Mythos des fragenden Wohltäters, der regelkonform – und mit ein wenig Sponsorenkenntnis erfüllbar – von den Hoppern erkannt und angesprochen werden muss, um ihnen für regionales Wissen Geschenke zu überreichen. Ich hoffe, er ist in der Masse nicht untergegangen.

Streetpunk

21. April 2010 by

…gibt es morgen im MTC und zwar von Deadline. Freikarten gibt es hier.

Mumford & Sons im E-Werk

19. April 2010 by

Mumford & Sons, (c) Peter Pricken

„You fucking Rule!“ Zwar stimmen wohl alle Anwesenden dieser Aussage über Mumford & Sons zu, aber spätestens nach dem fünften Mal wünscht man sich doch, dieser lautstark brüllende Fan hätte den Weg ins E-Werk nicht gefunden. Überhaupt könnten es ein bisschen weniger Leute und ein bisschen mehr Sauerstoff sein und wieso überhaupt das E-Werk? Wochenlang freut man sich auf ein relativ intimes Konzert im Gloria und dann auf einmal: verschoben!

Aber was nimmt man für eine Band wie Mumford & Sons nicht alles auf sich? Man steht, man wartet, man schwitzt und ringt nach Luft. Gut, dass man währenddessen wenigstens von dem wunderbaren Johnny Flynn unterhalten wird, der heute als Support auftritt. Er spielt Gitarre und singt dabei so verträumt seine Songs ins Mikro, als würde er das nur für einen selbst tun. Als er dann zum Schluss auch noch die Trompete ansetzt, ist ganz schnell entschieden, welche CD den Plattenschrank demnächst bereichern wird.

Mit großem Applaus wird er vom Publikum verabschiedet und mit noch viel größerem Applaus werden die vier lang ersehnten Briten auf der Bühne empfangen. Markus Mumford hat vor dem Auftritt mit Sicherheit eine ganze Schachtel Zigaretten geraucht, denn als er zu den ersten Begrüßungsworten, wohl gemerkt auf Deutsch, ansetzt und die Band mit „Sigh No More“ das Spektakel beginnt, ist seine Stimme so rau und rauchig, dass eine wohlige Gänsehaut nicht ausbleibt. Man merkt schnell, dass Mumford & Sons nicht zu den Bands gehören, die auf CD beeindrucken, einen live aber im Regen stehen lassen. Souverän spielen sie sich durch ihren Erstling Sigh No More und geben auch einige Neulinge zum Besten. Bemerkenswert ist die Intensität, mit der die vier ihre Instrumente spielen. Sie zupfen und schlagen die Saiten und Tasten, als gäbe es kein Morgen mehr und doch hat das Ganze auch irgendwie eine liebevolle Komponente. Besonders deutlich wird das bei Songs wie White Blank Page oder Thistle and Weed, bei denen gleich alle Bandmitglieder ihre Stimmen zu einem Chor erheben, der mitreißender nicht sein könnte. Man möchte lachen und tanzen, weinen und schweigen, einfach nur um bloß irgendeinem der vielen Gefühle, die man empfindet Ausdruck zu verleihen.

Einer der vielen kleinen Höhepunkte des Abends, darin scheinen Band und Publikum sich mehr als einig zu sein, ist Little Lion Man. Sowohl auf als auch vor der Bühne wird so ekstatisch gesungen und getanzt, dass es wohl niemandem auffallen würde, würde das E-Werk in diesem Moment einbrechen. Auch Dust Bowl Dance ist einer dieser Augenblicke. Nicht nur, weil Marcus Mumford sich bei diesem Song an das bisher wenig beachtete Schlagzeug setzt, sondern auch weil seine very britische Aussprache des Wortes „dance“ beim weiblichen Publikum für ein einstimmig hingerissenes „ohhh“ sorgt.

Nach gut einer wirklich viel zu kurzen Stunde und einer kleinen Zugabe beenden Mumford & Sons ihr Konzert im E-Werk. Ein Blick in die Runde zeigt rot glühende, verschwitzte, aber überaus freudig erregte Gesichter. Wer an diesem Abend nicht überglücklich und zufrieden nach Hause gegangen ist, der scheint den Großteil der Show wohl auf der Toilette verbracht zu haben.

Kunstalarm in Köln

19. April 2010 by

Denn die älteste Kunstmesse der Welt, die Art Cologne, öffnet wieder ihre Pforten! Letzte Chance bei uns noch Freikarten zu gewinnen!

Hopp, hopp, hopp, Kölner lauf Galopp!

17. April 2010 by

Heute ist es endlich wieder so weit: mit dem Ehrenfeld Hopping geht Kölns größte organisierte Kneipentour wieder an den Start. Neben den vielen tollen Gratis-Events gibt es auch einige kostenpflichtige Programmpunkte, die besonders zu empfehlen sind: so z.B. die Mittanzgelegenheit im ARTheater und das einklang-koeln Festival in der Papierfabrik, wo ganze 8 tolle Bands spielen werden!! Im Anschluss kann dann bei der Indie Fresse Party weiter gerockt werden. Jetzt noch eintragen und Freikarten gewinnen!