Archive for the ‘Hamburg’ Category

RX Bandits im Grünen Jäger

22. Juni 2010

Die Rahmenbedingungen hätten schlechter nicht sein können: „Das hätte im Hafenklang statt finden müssen“, sagt ein Fan, „wer spielt denn im Grünen Jäger. Im Grünen Jäger hatten wir unsere Abschlussparty. Aber doch nicht die RX Bandits!“ Sie sind groß, hört man da raus. Sie hätten mehr verdient.
Aber von vorne. Die Vorband Moneen hat auch mit Alexisonfire schon eine Demo eingespielt. Sie braten los für die handvoll Leute, dass uns die Ohren an die nahen Wände fliegen. Und das gefällt. Bei der Energie macht Punkrock Spaß, der Gitarrist springt von der Bühne und schmiegt seine Gitarre an die gegenüberliegende Wand, dass die Gäste etwas erschrocken zur Seite stolpern. Im Moshpit zwei enthusiastische Zuhörer, die unablässig pogen und toben. „Wir kennen euch gar nicht“, antworten sie auf die Frage des Sängers, welchen Song sie gerne hören würden. Die Stimmung ist da und jetzt sind es auch die Leute – der Raum füllt sich. Denn gleich beginnt ja erst das Konzert so richtig, bloß noch nicht auspowern, gleich spielen die RX Bandits. Die talentierten aus OC, Kalifornien. (Das kennt man aus dem Fernsehen. Da lief auch gute Musik.)

Jetzt sind sie dran und sie versuchen sich am Soundcheck und es funktioniert nicht: die Gitarre kann nicht angeschlossen werden, eine neue wird ausgepackt, der dreistimmige Gesang kommt aus einem Kanal und sie hören sich nicht, man hört sie nicht, Sänger Matthew Embree ist scheinbar betrunken und Gitarrist/Keyboarder Choi ist unglücklich. Vielleicht guckt er auch einfach immer so verbissen, er muss sich schließlich konzentrieren. Einzig der Schlagzeuger scheint sich wohl zu fühlen, sobald er seine komplexen Grooves gen Publikum schleudern darf. Der kleine, dunkle Raum kocht, er ist jetzt brechend voll, die Banditen spielen den Anfang ihres Sets. Was man davon hört, ist Brei. Vielleicht wäre das Hafenklang besser gewesen. Vielleicht brauchen sie Platz, um sich zu entfalten. Eine hochwertige Anlage, ein Publikum, das sie wirklich versteht. Die Fans sind auf ihre eigene Art jedenfalls begeistert, verfolgen nickend die virtuosen Riffs und Soli, das geht ja auch mit den Augen, wenn aus den Boxen schon keine Höhen und Tiefen kommen. Singen mit, vor allem bei den Songs vom neuen Album sind sie bereit, alles zu geben. Zum Teil selbst zugedröhnt geben sie sich den hörbaren sphärischen Klängen des Keyboards und dem grollenden Schlagzeug, den provokanten Texten von Embree und dem… äh… gelangweilten Bassisten hin. Da ist Stimmung in den ersten drei Reihen, so viele Reihen passen hier ja leider gar nicht rein. Manche Zuschauer sind nicht zugedröhnt und schauen sich ein bisschen ratlos um. Doch, die sind echt gut, technisch haben die echt was drauf. Sie sind einfach so… progressiv!
Das muss man nicht kaufen. Mag sein, dass die RX Bandits großartige Konzerte gegeben haben, fabelhafte Platten veröffentlicht. Aber von der Bühne kommt hier einfach – nichts. Keine motivierenden (/störenden!) Ansagen unterbrechen das Set, kein Augenkontakt ermutigt das Publikum, kein Funke springt über. Im Gegenteil versucht Embree mit Zeichensprache, innerhalb der Band den Ablauf zu klären, was eher länger dauert als eine Ansage. Das einzige, worauf sie sich jetzt wahrscheinlich freuen, ist das nachkonzertriche Bier oder am besten etwas Härteres. Ein enttäuschendes Konzert für viele – die Musiker schlucken ihren Frust, sie sind ja professionell, aber dem Publikum kommt das nicht zugute. Ein so eiskalte Stimmung verbreitender Event ist wahrlich eine Seltenheit. Fast könnte man das auf die Plus-Seite schreiben, bei „Stimmung erzeugt“: Urängste geweckt, Einsamkeit erspielt, Bedrückung kreiert. Sie singen schließlich über ernste Sachen. Sind politisch.
Das macht nicht unbedingt Spaß. Die Zugabe hätten sie auch ohne Applaus und Rufe gespielt. Die Merchandise-T-Shirts sind schön, wirklich schade, dass es sich nicht lohnt, an dieses Konzert erinnert zu werden.

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Evelyn Evelyn auf Kampnagel

3. Mai 2010

Hab ich erwähnt, dass ich krank bin?

Endlich, endlich ist es 8 Uhr. Los gehts – und zwar mit dem Vorprogramm, dem experimentellen Sxip Shirey. Shirey legt eine großartige Show hin, bei der er Spielzeug mit Effektgeräten mixt und den Saal zum Feiern bringt. Zumindest in den Köpfen der Zuschauer, denn die Hamburger bleiben heute bis auf ein paar Ausnahmen äußerlich brav in ihren Sitzen sitzen. Kurz schafft es Sxip, von der Neugierde auf den Hauptact abzulenken. Als er fertig ist und seine CD vorgestellt hat („Außen ist sie schwarzweiß, innen bunt – wie ein aufgeschlitztes Zebra!“), braucht es noch sehr viel… sehr sehr sehr viel Aufmerksamkeit und Applaus vom Publikum bis sich langsam, langsam, um in ihrem bodenlangen Kleid auf ihren drei Beinen nicht zu stolpern, Evelyn und Evelyn auf die Bühne trauen.
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Also noch mal. Gibt es Evelyn und Evelyn wirklich? Nein, aber sie haben eine detaillierte Lebensgeschichte und sie stehen vor uns. Was haben Amanda Palmer und Jason Webley mit den beiden zu tun? Die Zwillinge sind ihr Hirngespinst, und gleichzeitig ihre neue Bühnenshow. Man munkelt, dass Amanda das Projekt startete, weil sie Stress mit ihren Produzenten hatte. Sie machte also als jemand anders weiter. Konsequenter ist das wohl noch nie umgesetzt worden. Die ersten Stücke werden mit brüchigen Stimmen, heruntergeschlagen Augenlidern und falschen Tönen vorgetragen. Die Steigerung funktioniert, das Publikum ist begeistert, als nach einigem Aufwärmen die Evelyns zeigen, dass sie tatsächlich singen können. Dabei müssten die beiden Musiker diesen Umweg gar nicht gehen, wie sich später im Programm zeigt. Wer also sind Evelyn und Evelyn? Sehen wir das mal als ein Theaterstück. Amanda Palmer und Jason Webley spielen die siamesischen Zwillinge, Sxip ist ihr Arrangeur, der übertrieben bemüht ist, die Zwillinge mit Schokolade und guter Zurede bei Laune zu halten. Spätestens, als die zweite Evelyn mit sehr tiefer Stimme zu singen beginnt, ist somit das Rätsel um Produzent und Künstler gelöst. Sie erzählen die Lebensgeschichte ihrer Rollenfiguren. Was wir sehen, ist eine musikalische Performance, die sich angeblich Amanda und Jason für die Evelyns ausgedacht haben, damit diese mit ihrem Programm auftreten können.

Drei Tracks vom dazugehörigen Konzeptalbum tragen den Titel „The Tragic Events of September Part I-III“. Das sagt ziemlich viel über den Zustand der Protagonisten aus. Sie beginnen ihre Show mit dem treffend betitelten Song „Evelyn Evelyn“. Darauf folgt das grandiose und beim Publikum bereits beliebte „Have you seen my sister Evelyn?“ Hierauf folgend dürfen zwei Männer aus dem Publikum einen bespannten Rahmen halten, auf dem Sxip, der durch die Show führt, zu den Stimmen der Zwillinge das makabre Schauspiel ihrer Lebensgeschichte als Schattentheater aufführt. Die am häufigsten verwendeten Figuren: ein riesiger Blutfleck und ein Grabstein mit der Inschrift „R.I.P.“. Das Publikum lacht, die demonstrativ heruntergezogenen Mundwinkel der Evelyns zucken bereits. Wir wissen nun, dass Evelyn und Evelyn, siamesische Zwillinge, nach dem Tod ihrer Eltern wie Hühner auf einer Geflügelfarm aufwuchsen. Eines Tages kommt der Geflügelfarmer nicht zur Fütterungszeit nach Hause. Davon handelt der Song „Chicken Man“, der aus eben diesen beiden Wörtern besteht und ausartet, als die weiblichere Evelyn eine traumatische Erinnerung an das Ereignis hat und immer verzweifelter nach dem Ziehvater zu rufen beginnt. Erst ein Schokoladenriegel, von einem Zuschauer überreicht, kann sie wieder beruhigen. Der Titel „Elephant Elephant“ handelt von siamesisch verbundenen Elefanten, mit denen Evelyn Evelyn in einer Freakshow auf Tour waren. Das Publikum soll mitsingen, scheitert zunächst, bis die Amanda in der Evelyn zum Vorschein kommt und grinsend die Zuschauer anleitet.

Mit Hilfe von Sxip und dem Bühnentechniker wechseln die Evelyns die Instrumente von Stage Piano zu Schlagzeug, Akkordeon, Gitarre und Ukulele. Alles zweihändig und dreifüßig gespielt, versteht sich. Der Country-Song „You only want me ‚cause you want my sister“ ist wie die anderen Stücke inhaltlich makaber-ironisch und dabei stilsicher und rührend performt. Die „aaws“ aus dem Publikum wollen gar nicht aufhören, als Evelyn 1 ihre Schwester unter die Erde bringt, um sich sicher zu sein, dass ihr Geliebter nur sie und nicht ihre (äußerlich…) identische Schwester liebt. Madagaskars Zebra-Dilemma in etwas überspitzter Form.

Ein Highlight ist eindeutig die „Gedächtnisverschmelzung“ der Zwillinge. Sxip kündigt an, die Evelyns würden nun in einen tranceartigen Zustand übergehen, in dem sich ihr Inneres verbinden würde und sie philosophische  deutsche Fragen beantworten würden. Diese konnten vor der Show von den wissbegierigen Gästen auf Zettelchen geschrieben werden. Die Evelyns haben mit der Trance gewisse Schwierigkeiten und schauen immer wieder fragend auf, beugen dann aber brav ihre Köpfe und beginnen mit der ersten Frage. „Was habt ihr zum Frühstück gegessen?“ Bei der Antwort wechseln sie sich bei jedem Wort ab. We – did – not – eat – today – because – we – were – verwirrtes Schweigen, ein Blick auf die Schwester – bad? Eine Frage zu Licht und Quanten bekommt die folgende Antwort: It – is – difficult – with – light – and – quants – and – er… volcano? Die Antworten sind definitiv spontan. Immer wieder verrrennen sich Amanda und Jason auf eine sehr sympathische Art in ihren Sätzen, die Zuschauer freuen sich über so viel Leben von den schüchternen Sänger/innen.
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Das große Finale ist der Ohrwurm „my Space“, bei dem das ganze verrückte Konzept zusammengefasst wird, als Evelyn/Evelyn in sprudelnden Wortspielen die Vorzüge der Internetplattform mySpace besingen, die ihnen angeblich zum Durchbruch verhalf. Die Soundmaschine von Sxip Shirey wird in Gang gesetzt, das Publikum singt lautstark mit: „I just want my Space!“. Gezückte Feuerzeuge finden sich nur wenige, aber die Stimmung ist da. Bei solch zuvorkommenden Zuschauern lassen sich die Schwestern sogar zu einer Zugabe durchringen. Bei „Love will tear us apart“ wird nach langem Probieren, das zartbesaitete Instrument am Körper zu fixieren, mit einer aus dem Kleid auftauchenden dritten Hand gehalten. Eindeutige Botschaft: aus einer werden wieder zwei.

Evelyn und Evelyn sind nach dieser einen Stunde müde und ziehen sich unter lautem Applaus  zurück. Es wird zum Merchandise-Stand gebeten, wo Poster mit Blattgold-Aufdruck, CDs und T-Shirts zu fairen Preisen erworben werden können. Danach folgt erst der zweite Teil der Show: Jason Webley tritt als Jason Webley auf. Jetzt ist er Akkordeonist mit Leib und Seele. Seine rauhe, junge Art kommt seht gut an, das Publikum mag ihn. Viele hatten hierzulande noch nie von Mr Webley gehört, so ist die Show für ihn auch eine große Chance. Dann kündigt er einen weiteren Gast an, das Raunen, das durch die Masse geht, verrät, dass dies der eigentliche Höhepunkt des Abends ist. Dies ist die Hoffnung aller Hergekommenen gewesen, dass Amanda Palmer als sie selbst performen

wird. Halb angezogen stürmt sie die Bühne und beginnt ihr exzentrisches Spiel mit dem Klavier. In der Mitte ihres solo aufgeführten „Missed Me“ von den Dresden Dolls bricht sie hustend ab und fragt augenzwinkernd: „Hab ich eigentlich erwähnt, dass ich auch noch krank bin?“ Der Wahnsinn ihrer Songs scheint sich jedoch nicht auf sie übertragen zu haben. Die junge Sängerin raunt und schreit ihre Seele dem Publikum entgegen, das spätestens ab diesem Zeitpunkt alles für sie tun würde. Ein taktloser Einruf: sie solle doch auf dem Oktoberfest einschenken. Doch Miss Palmer lässt sich darauf ein und beginnt auf wunderschönem Deutsch mit amerikanischem Akzent einen Dialog mit dem Publikum, über Biergärten, über den nächsten Song. Amanda braucht Evelyn nicht, um beliebter zu werden. Aber vielleicht, um einen Teil ihrer überquillenden Energie und Bühnenpräsenz mit jemandem zu teilen – und sei es über zwei Arme, drei Beine und eine Lunge.

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3. März 2010

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Bald ist es soweit…

8. Februar 2010

nur noch wenige Tage dann gehts los…