Das Fest im Schauspielhaus

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Der Geburtstag von Helge, dem Familienoberhaupt, soll gefeiert werden. Eine Tafel, gedeckt für 12 Personen, in der Mitte geteilt. Noch ganz verlassen, mit viel Weiß, rein und unschuldig sieht alles aus. Und doch verheißt die Zweiteilung schon jetzt einen Bruch.

Eine junge Frau, die tote Tochter der Familie, die vor einiger Zeit Selbstmord begangen hat (wie man später erfahren wird), tritt ein. Sie steigt auf den Tisch und steckt einen Brief in den Kronleuchter. Sie geht ab.

Dann nimmt Das Fest, basierend auf dem gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov, seinen Lauf. Nach und nach treffen die Familienmitglieder ein, es wird sich begrüßt, gescherzt, und doch liegt über allem ein schwer fassbares Gefühl der Befangenheit.  Dann geht es los mit dem ersten Gang, alle sind am Tisch versammelt, die Stimmung ist immer noch blendend. Christian, der älteste Sohn und Zwillingsbruder der toten Linda, soll eine Rede halten. Und hier kommt der Wendepunkt, der alles und doch nichts verändert. Christian, gespielt vom gewohnt hervorragenden Carlo Ljubek, stellt den Vater vor die Wahl, welche Rede er halten soll, denn er hat zwei Ansprachen vorbereitet: eine grüne und eine gelbe.  Weder der Zuschauer noch der Vater weiß zu diesem Zeitpunkt allerdings, dass er mit dieser Wahl über sein eigenes Schicksal  entscheiden wird. Die Rede auf dem grünen Zettel wählt er, doch das Grün macht seinem guten Ruf als Farbe der Hoffnung keine Ehre. Denn die Rede die nun folgt enthüllt das schreckliche Geheimnis, das so schwer auf dieser Familie lastet: Helge (Felix Vörtler, wunderbar düster vorausahnend und unberührt)  hat jahrelang seine beiden Zwillinge vergewaltigt. Und plötzlich wird klar: das Grün hat durchaus seine Berechtigung. Es steht für Christians Hoffnung, dass er mit seiner Offenbarung dieser Familie endlich die Augen öffnen kann. Doch er wird bitter enttäuscht. Man ist verwundert und entsetzt im Zuschauerraum, denn die Gesellschaft fährt mit den Feierlichkeiten fort, als hätte sie von all dem nichts gehört. Die nächste Rede wird begonnen, Christians Worte verklingen scheinbar ungehört. Man weiß nicht, ob es die Hilflosigkeit der Anwesenden ist, oder ob sie ihm schlicht nicht glauben. Aber Christian gibt  nicht kampflos auf. Weder die Versuche seines Vaters, ihm ein schlechtes Gewissen einzureden, weil er seine eigene Familie in den Dreck zieht, noch die Bemühungen, es auf den nervlichen Zustand seines Sohnes zu schieben, können am Ende verhindern, dass die Wahrheit durch den zu Beginn von Linda versteckten Brief ans Licht kommt.

Der krampfhafte Versuch einer Familie, die heile Welt trotz solch schwerer Anschuldigungen aufrecht zu erhalten, ist ein durchaus bekanntes Motiv.  Kindesmissbrauch als Thema und der Umgang damit ist gerade heutzutage ein äußerst aktuelles Topos, das im Kölner Schauspielhaus erfrischend ungeschönt und in seiner hässlichen gesellschaftlichen Wahrheit daherkommt: wenn man etwas totschweigt, dann ist es auch nicht passiert. Der harte Stoff wird in angemessenem Maße durch einige Lacher entschärft, wie wenn der Opa ohne es zu merken zum dritten Male die selbe Tischrede beginnt. Die Inszenierung von Dieter Giesing schafft es dabei glücklicherweise, den Grat zwischen auflockernder und beschönigender Komik zu wahren. Die Schauspieler hinterlassen den Zuschauer an diesem Abend mit dem dumpfen Gefühl, dass in der Geschichte nur allzu viel gesellschaftliche Wahrheit steckt.

Und Das Fest geht weiter.

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