Spieltrieb in der Halle Kalk

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„Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht- erst recht.“

Keine wirklich aufmunternde Botschaft, mit der Spieltrieb beginnt. Dann fegt eine Putzkolonne den mit Papieren ausgelegten Boden. Darunter kommt eine Art Manifest der Urenkel des Nihilismus zum Vorschein, in dem die Existenz moralischer Werte bestritten wird. Lesbar wird das Ganze durch eine Deckenkamera, die das Geschehen unter ihr an eine Leinwand am Ende der Bühne projiziert. Man stolpert ein wenig hinterher, weil der Text für den Anfang einfach zu schnell, zu trocken daherkommt.

Als das Papier in der Halle Kalk beiseite geräumt ist, kommt das eigentliche Spielfeld zum Vorschein, ein weiß umrandetes Viereck, auf dem die Schauspieler agieren. Gekleidet sind sie dazu passend in den klassischen Farben von Spielfiguren: rot, blau, grün. Als Requisiten dienen nur Kästen, wie man sie aus dem Sportunterricht von früher kennt. In jeder Szene verschieben und verstellen die Protagonisten diese, so dass jeder buchstäblich sein eigenes Spielfeld baut und gestaltet.

Als die Hauptcharaktere zum ersten Mal auf das Spielfeld treten, geben sie einen kurzen Einblick in das Leben und den Charakter der Hauptfigur. Ada, die von Anna Blomeier herrlich intelligent-abgestumpft gespielt wird, ist von ihrer alten Schule geflogen, ist hochintelligent und „nicht schön“. Irgendwann hat sie angefangen, alles in ihrem Leben als „gleich gültig“ zu betrachten. Die menschliche Existenz bedeutet für sie nicht mehr und nicht weniger als eine Aneinanderreihung von sinnlosen Aktionen, sich selber sieht sie als Urenkelin der Nihilisten. Wie die Faust aufs Auge passt da auch Adas Name. ADA heißt nämlich auch eine raffinierte, zur Strukturprüfung anderer Programme verwendete Programmiersprache: unbewusst durchschauend, intelligent, aber vor allem kalt.

Wer sich noch an seine eigene Schulzeit erinnert, wird vom hervorragenden Lehrer Höfi alias Michael Weber charmant in diese zurückversetzt. Als etwas schrullig-verschrobener Geschichtslehrer, der gerne und ständig übertrieben betont und gestikuliert, bei all dem immer einen Finger im Ohr, versucht er, wenn auch nicht allzu erfolgreich, Ada Paroli zu bieten. Doch dieser genügt weder der Lehrer noch der hoffnungslos in sie verknallte Olaf. Erst als Alev zur Klasse stößt, findet sie einen ebenbürtigen Gesprächspartner, von Carlo Ljubek gekonnt als intelligenter Sadist gezeichnet.

„Ohne dich war ich bislang ein Partisan. Zusammen sind wir eine Armee.“

Was ein bisschen wie eine Romanze anfängt, endet in einem intellektuellen Kräftemessen, das sich zu einer Obsession steigert. Bald reichen den beiden Gespräche nicht mehr, es wird einen Gang rauf geschaltet: Der Spieltrieb ist geweckt, das Spiel wird geplant. Denn Alev bringt Adas Sinnsuche auf den Punkt. Wahre Freiheit kann nur in einem Spiel existieren, dessen Regeln man selbst bestimmt. Der wesentliche Aspekt der Geschichte wird hier offengelegt, nämlich die Suche nach Sinn und Freiheit in einem selbst bestimmten Raum.

Doch zunächst folgt ein kleiner Höhepunkt dieses Abends: Alle Darsteller liegen auf einem Kasten, ruhig, zur Decke blickend. Die Deckenkamera zoomt die Gesichter einzeln heran, als wolle sie dem Zuschauer Einblick in ihre Gedanken ermöglichen. Vom Band laufen die Stimmen, die jeweilige Person philosophiert über ihre eigene Weltsicht. Erfreulich, dass dieser intime Moment nicht durch übertriebene Emotionen oder Gesten zerstört wird, sondern man ganz den Stimmen lauschen kann. Satz des Abends dabei: „Die Welt ist eine Lasagne.“ Ein einfacher, fast humoristischer Satz, der den einen oder anderen Lacher provoziert, der aber doch so viel aussagt. Jede der Personen hat ihren eigenen Bezug zu diesem Satz, zu der Vielschichtigkeit der Welt, sei diese nun auf das Bewusstsein, die Seele, die Dichotomie von Gegenwart und Vergangenheit oder von Gut und Böse bezogen.

Nach der Pause, man mag fast sagen „Endlich!“, beginnt dann das „Spiel“, ein Experiment jenseits aller gesellschaftlichen Konventionen. Der Gedanke, dass mit dem Papier zu Beginn auch die Moral beiseite gefegt wurde, kommt einem in den Sinn. Ada soll mit Smutek, ihrem Deutsch- und Sportlehrer schlafen, gefilmt von Alev, damit die beiden Smutek erpressen können und ihn somit in der Hand haben.

„Überwältigend bildhaft, mit szenischem Witz und psychologischem Feingefühl“, schrieb der „Spiegel“ über das Buch von Juli Zeh, auf dem das Stück basiert. Dementsprechend hoch sind auch die Erwartungen an die Inszenierung, die leider das ein oder andere Mal etwas zu gedankenschwer daherkommt, zumal sich in der fast 3-stündigen Aufführung einiges auch wiederholt. Hier hätte man vielleicht zu Gunsten der Handlung etwas kürzen sollen. Nichtsdestotrotz hinterlässt die Vorstellung einen äußerst positiven Eindruck. Nicht zuletzt, weil der Sex hier nicht aufgedrängt und ausgestellt wird, sondern durch die Video-Projektion an der Leinwand als Teil des Spiels präsentiert wird. Der „homo ludens“, der spielende Mensch, seine Motive und Absichten, werden von Anna Blomeier und Carlo Ljubek überzeugend erläutert und hinterlassen trotz allem einen nachdenklichen Zuschauer.

Ada dagegen ist am Ende des Spiels, nach ihrer Suche nach dem Sinn: glücklich. „Glücklich und müde. Wissen Sie was wir wollen? Unsere Ruhe. Ruhe von all Ihren kleinkrämerischen Reglementierungen.“

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