Katzenjammer in der Kulturkirche

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Die Schweden haben Mando Diao, die Finnen ihre Sauna und die Dänen das Softeis. Mit Norwegen verbindet der Deutsche wohl in erster Linie dicke Wollpullover. Macht nichts, denn jetzt hat Norwegen ja Katzenjammer, die alles andere als nordisch-kühl sind und auf der Bühne bestimmt nicht durch groben Strick auffallen. Petticoats und Blumen, auf den Kleidern und in den Haaren, bestimmen das Bild. All das tritt aber weit in den Hintergrund, wenn Turid Jørgensen, Solveig Heilo, Marianne Sveen und Anne Marit Bergheim anfangen über die Bühne zu wüten.

Die Kulturkirche in Nippes ist ausverkauft und brechend voll, als die Skandinavierinnen mit einer halben Stunde Verspätung den Altarraum betreten. Das verzeiht man ihnen allerdings gerne und schiebt es insgeheim auf das Team vom WDR Rockpalast, die das Konzert für diejenigen aufzeichnen, die keine Karte mehr ergattern konnten. Wo sie schon in Deutschland sind, macht „Der Kapitän“ den Anfang und schnell wird klar, dass an diesem Abend wenige Füße still stehen werden. Nach dem zweiten Stück, das wie ihr Debütalbum „Le Pop“ schreit, werden allerdings erstmal ruhigere Töne angeschlagen. Diese Band besteht aus echten Ausnahmemusikerinnen. Keine der Damen muss sich hinter einem der Instrumente verstecken, oder im Backgroundgesang versauern, denn alle machen einfach alles. Ob Schlagzeug, Gitarre, Piano, Ukulele, Glockenspiel, Akkordeon, Banjo, Mandoline oder riesiger Balaleikabass – es scheint eine Art geheimes Rotationssystem zu geben, aufgrund dessen permanent gewechselt wird. Im ruhigeren Mittelteil des Konzertes überzeugen besonders die mehrstimmigen Gesänge, die dem Publikum die eine oder andere Gänsehaut bescheren, obwohl einige der Balladen wegen der Akustik der Kirche und ihrer Geräumigkeit leider die Intimität vermissen lassen, die Katzenjammer in kleineren Clubs vermitteln können. Die englischsprachigen Texte können dabei zuckersüß, wie bei „Tea with Cinnamon“, interpretiert sein oder furchtbar tragisch und melancholisch klingen, wie bei „Virginia Clemm“ oder „Wading in deeper“. Auf jeden Fall schafft Katzenjammer live selbst den Stücken etwas Besonderes zu verleihen, die auf dem Album ihre Längen haben.

Unbefangen war auch der Umgang mit dem Publikum. Etwaige Befürchtungen, dass der Auftritt wegen des anwesenden Fernsehteams inszeniert wirken und ohne große Publikumskommunikation durchgezogen werden könnte, bestätigen sich nicht. Als das Konzert in die letzte Runde geht, drehen Anne, Solveig, Turid und Marianne erst so richtig auf und lassen das Publikum lautstark an „To the Sea“ teilhaben, es wird gesungen, geklatscht und mit den Füßen auf den heiligen Boden gestampft. Das Beste haben sie sich eindeutig für den Schluss aufgehoben: das zigeunerische „Demon Kitty Rag“, das düster-wild-westige „Hey Ho on the Devil’s Back“ und das blues-verrauchte „Ain’t no thang“ bringen die Katzenjammer-Gemeinde schier zum Ausrasten.

Zum großen Bedauern der Konzertbesucher ist die Vorstellung der Zirkusdamen schon nach einer guten Stunde vorbei. Zwar erklingt in der Zugabe noch die heiß ersehnte Trompeten-Single „A Bar in Amsterdam“ und ein ungewöhnliches, aber gutes, Cover von Genesis’ „Land of Confusion“, doch die Zugaben fallen ausgesprochen kurz aus. Und so ist das Publikum gezwungen, das Katzenjammer-Karussel schon nach knappen eineinhalb Stunden zu verlassen, obwohl viele sicher noch eine Runde länger gefahren wären.

Man darf gespannt sein, wann die Radiostationen der Republik das Talent der Norwegerinnen entdecken und sie in die Heavy-Rotation aufnehmen. Vergleichen lassen sie sich jedenfalls mit nichts, was derzeit so auf dem Markt herumschwirrt.

Der WDR sendet den Auftritt am 26. April um 0.15 Uhr im WDR Rockpalast.

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