2. Kölner Schlaraffentag

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Zwar suggeriert „Schlaraffentag“ weit mehr als zwei Obstkörbe und Fleischbrötchen, aber die akustischen Leckerbissen entschädigen für die etwas enttäuschenden „kulinarischen Gaumenfreuden“. Die zweite Ausgabe des Bandabends im Stadtgarten trumpft beim Line-Up mit Schöftland, Voltaire und Enno Bunger, die das Publikum durchweg überraschen und teilweise überraschend begeistern. Nicht zu vergessen sind jedoch die beiden ersten Auftritte. Der Bremer Liedermacher Lars Gerhardt, der allein mit seiner Gitarre mal über sein Loser-Dasein, mal über Backgammon singt, zwischendurch aber ganz biermännisch auch Protestlieder gegen Hartz IV anstimmt. Danach der Gastgeber Phillipp Suess, sympatisch, charismatisch, selbst wenn er – heute mit Streicherbegleitung von Francis Norman, der bereits mit Rosenstolz auf der Bühne stand – weniger ernst als sein Vorgänger, über betagte Frauen sinniert.
Der Stadtgarten ist eher mäßig gefüllt, die Stimmung jedoch gut, so dass sich das lockere Mini-Festivalgefühl trotz wetterbedingtem Saalarrest ziemlich bald einstellt. In der Pause ein bisschen im Vorraum quatschen, ein Kölsch auf die Hand und dann schnell rein, denn mit Enno Bunger kommt als dritte Band schon ein bzw. das Highlight des Abends an die Reihe. „Herzschlag“, die Single der drei Ostfriesen, wird auf einschlägigen Radiosendern mittlerweile rauf und runter gespielt. Und tatsächlich können sie auch auf der Bühne beim Schlaraffentag mehr als überzeugen. Kopf und Namensgeber Enno Bunger bestätigt seine angemeldeten Entertainerqualitäten nicht nur in musikalischer Hinsicht am Klavier und am Keyboard vollends. Eine kleine Überraschung, denkt man bei der zwar hübsch träumerischen, aber etwas seichten Popmusik der Band eher an schüchterne Jungs denn an angenehm einnehmende Rampensäue. Auf der anderen Seite aber auch kein Wunder, greifen sie doch, ob ihrer relativ jungen Historie, auf ausgedehnte Showerfahrung (z.B. als Support von Aviv Geffen) zurück. Die leidenschaftliche Performance zeichnet Enno Bunger aus und macht zudem jegliches Klischee von unterkühlten Plattländern zunichte.

Nach dieser herzerwärmenden Darbietung kommen die eigentlichen Headliner von Voltaire. Sänger Roland konnte schon solo im letzten Jahr beim Schlaraffentag ordentlich punkten und hat heute mit Band noch viel bessere Karten, denn es scheint, als ob die Bonner gleich ihren Fanclub mitgebracht hätten. Voltaires verzerrter Indierock mit Dieselmeyer-Gesang kommt aber auch beim Rest des Publikums an der richtigen Stelle an und bringt greifbar ausgelassenes Konzertfeeling in den Stadtgarten. Die fünf spielen lang – so lang, dass die offenbar eingeplante Zugabe dem nächsten Programmpunkt und Abschluss des Schlaraffentags zum Opfer fällt.

Doch es lohnt sich. Schöftland aus der Schweiz war mir vorher kein Begriff, aber wenn so eine erstaunliche Sofortliebe aus dieser Ahnungslosigkeit resultiert, ist es mir immer eine Freude. Die Berner machen schlichte Pop-Songs in instrumentaler Jazzbesetzung und begeistern auf liebenswertem Schwyzer-Hochdeutsch nicht allein durch ihre handwerklichen Fähigkeiten. Leider sind die Zuschauerreihen, bedingt durch die Verzögerung und die sowieso schon fortgeschrittene Stunde, bereits etwas gelichtet, jedoch lassen die, die ausharren sich von Sänger und Gitarrist Floh von Grünigen einstimmig zu neuen Kräften beleben. Schöftland, die auf dem Weg von einer Tour mit Gisbert zu Knyphausen in Köln vorbeischauen und hier dem letztjährigen Stargast des Schlaraffentags in aller Ehre folgen, bringen den Abend zu einem lockeren Ende, frei nach der heutigen Devise. So gab es keine schwere Kost – im Wort- und im übertragenden Sinn -, aber die Veranstaltung ist schließlich auch was für Genießer und die sind heute ganz sicher nicht unbefriedigt geblieben.

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