Julian Plenti | Kulturkirche Köln | 8.12.09

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Verflixte Physik. Am liebsten würde man an einer holographischen Konferenzschaltung teilnehmen. In Köln gibt es nämlich heute wieder so ein publikumsspaltendes Mega-Konzertaufgebot. Wahrscheinlich wäre der Auftritt von Julian Plenti, dem unsere ungeteilte Aufmerksamkeit an diesem Dienstag Abend gilt, selbst dann nicht ausverkauft, wenn der Kopf von Interpol mit Julian Casablanca und Jack White sein eigenes Super-Projekt angeleiert hätte. Denn in der Domstadt ist Massenauflauf der amerikanischen Indie-Götter: Julian Plenti spielt zeitgleich mit Mark Lanegans Soulsavers im Gebäude 9 und der Super-Super-Super-Band Them Crooked Vultures (nicht wahr: Dave Grohl, Josh Homme, John Paul Jones)  im standesgemäß ausverkauften Palladium. Mal abgesehen davon ist Paul-Julian Banks Soloprojekt wohl auch noch nicht all zu bekannt. Egal, dafür darf er mit Abstand in der schönsten Location der Stadt aufschlagen.
Julian Plenti
Die Kulturkirche ist also nur dreiviertel gefüllt und die Leute eher erwartend als euphorisch. Daran kann auch die New Yorker Vorband I’m in You nichts ändern, deren experimenteller Postrock mit Geigeneinsatz zwar wie geschaffen für diese Location ist, an manchen Stellen aber etwas disharmonisch klingt.

Julian Plenti braucht – wie erwartet – etwas, bevor er sich mit seiner zusammengewürfelten Band im Altarraum blicken lässt. Dann gibt es allerdings eine Überraschung nach der anderen. Die „Diva“ der Indie-Rock-Welt kommt ungewohnt leger in Kapuzenpulli auf die Bühne, stört sich nur kurz am unausgepegelten Mikro und startet dann tatsächlich mit einem Cover-Song! J Dillas „Mythsizer“ in nicht sehr aufregender Form, das machen aber eine ziemlich großartige Version von „Into the White“ – Pixies-Cover sind das ja meistens nicht – und dem America Song „A horse with no name“, den der gebürtige Brite dankenswerter Weise ohne den nervigen Laalaalaalalalaa-Refrain interpretiert, im Laufe des Konzerts ungeschehen.

Seine eigenen Songs von „Julian Plenti…is skyscraper“ wirken live – ebenfalls wie erwartet – atmosphärisch und druckvoll, was in der Kulturkirche auch noch optisch unterstrichen wird. „Skyscraper“ und „Only If You Run“ haben unglaublich hypnotische und gleichzeitig wahnsinnig energetische Momente, die schon auf der Platte direkt den Brustbereich sprengen könnten. Dazu die durchdringende manchmal wimmernde Stimme Plentis, die besonders bei Titeln wie „On The Esplanade“ und „Fun That We Have“ ihre Facetten zeigt. Letzteres ist auch eines der Lieder, die am stärksten „interpolisch“ genannt werden können und auf das die Leute am meisten „abgehen“. Beides hier in Anführungszeichen, weil zum einen Paul Banks solo durchgehend seinen großen Einfluss auf alle Interpol-Werke zeigt und, weil zum anderen die gestische Zustimmung des Publikums über teilweise stärkeres Kopfnicken selbst nach der Stunde Show nicht hinausgeht – auch wenn man bei der letzten Zugabe, „Games For Days“, doch noch einige lautstärkere Äußerungen vernimmt. Natürlich ist die Musik auch nicht maßgeblich dazu gemacht. In instrumentalen Einlagen, Balladen und eklatanten Taktbrüchen in den schnelleren Stücken wird schließlich immer wieder Geschwindigkeit rausgenommen und außerdem rockt man in der Kulturkirche eben nicht so enthemmt (bis auf den Begleitgitarristen im ärmellosen T-Shirt, der anscheinend das Gastspiel bei Julian Plenti mit seinem Traum-Auftritt – vermutlich bei Mötley Crüe – verwechselt hat).

Nach dem letzten Song geht alles ganz schnell. Zufriedenes Klatschen, höfliches Dankeschön, schneller Abgang. Jedoch mit musikalischer Rundum-Befriedigung.

Vielleicht ging es ja noch zu einer Party mit den anderen Bands des Abends. Ob und wo so ein imaginärer Musikheldengipfel stattgefunden haben könnte, blieb uns unbekannt. Und gottseidank gab es ihn auch nicht mehr, denn dort hätte sich wohl Glanz und Gloria in vollkommen irrealer Übersteigerung selbst negiert und der sympathische Auftritt von Julian Plenti wäre vergessen. Zu viel ist halt auch nicht gut.

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