Reim in Flammen jubiliert im Stadtgarten

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Normalerweise regnet es rote Rosen für den Gewinner des Poetry Slams Reim in Flammen, für Tobias Kunze, um es vorweg zu nehmen, diesmal nur rohen Applaus, aber dafür reichlich.
Die eigentlich im Tsunami Club ansässige Dichterschlacht machte gestern einen Ausflug nach dem Westbahnhof, genauer: In den Stadtgarten. Und das war auch ganz gut so, denn der kleine Südstadtclub wäre wohl auch aus allen Nähten geplatzt.
Grund für den Andrang war der Geburtstag des Slams, der seit fünf Jahren an jedem letzten Dienstag im Monat fest im Kalender der kleinen, feinen, aber vor allem wachsenden Slammer-Gemeinde eingetragen ist. Und es gab viele Geburtstagsgäste, die der Begeisterung nach zu urteilen auch in Zukunft häufiger vorbeischauen werden.
Mit rund 400 Leuten war der Stadtgarten ausverkauft. Wohl dem also, der sich schon im Vorverkauf eine Karte besorgt hatte und sich dann an der Schlange der Wortbegeisterten vorbeischummeln durfte. Für alle anderen hieß es warten, auch, weil organisatorische Engpässe zu einem verspäteten Einlass und latent schlechter Stimmung geführt zu haben schienen. Das war allerdings schnell vergessen. Der bunte Zuschauerhaufen entspannte jedenfalls zunächst auf dem Boden und harrte der Dinge, bevor Moderator und Mitinitiator des Reim in Flammen, Tibatong alias Benjamin Weiß anscheinend etwas verunsichert von der Menschenmenge, eine Begrüßungsformel ins Mikro stotterte und danach zur Erholung erst einmal die Opener und in Köln gerade omnipräsente Hip Hop-Combo <i>Dickes B</i> ankündigte. Nach drei-vier Stücken übergab Dickes B-MC Cem die Turntables an den Reim in Flammen DJ Tommy Licious und die beiden „Dicken“, Max und Macka, die Mikrofone an den gefestigten Tibatong und seinen Sidekick Florian Cieslik. Er repräsentiert seit 2008 als national erfolgreicher Slammer das Reim in Flammen-Team auf dem Posten des „Außenministers“.
Die Teilnehmer für den Jubiläums-Slam waren erlesen: Vizeweltmeister und amtierender deutscher Meister Sebastian 23, der zweimalige deutsche Meister in der Kategorie Rapslam Tobias Kunze, WDR Poetry Slam Gewinner Philipp Scharrenberg, Sulaiman Masomi, Andy Strauß, Anke Fuchs – Kölns erfolgreichste Slammerin und Moderatorin der Lesebühne Poetry Bites, Clara Nielsen und der dreimalige Reim in Flammen Gewinner Robert Targan waren angereist und mehr oder weniger prepariert – Benjamin Weiß orakelte bevorstehende Ausfälle.

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Für die Auslosung der Vorrunden wurde Mitgründer und Ex-Moderator Roberto Rico aus seinem Berliner Exil bemüht, der charmant die acht Namenszettelchen in zwei Vierergrüppchen ordnete. Kleine Regelwerkmodifikation: Das Semifinale wurde ersatzlos gestrichen, so dass die Gewinner aus der Vorrunde direkt ins Finale einzogen.
Aus der ersten Runde waren das Tobias Kunze, der mit seiner Anti-Ode an Berliner Glaskasten-Architekten enthusiastisch gefeiert wurde, der gebürtige Afghane Masomi und die Lyrikerin Clara Nielsen. Nummer vier und fünf waren Sebastian 23 und Philipp Scharrenberg, der grandiose Überzeugungs-Hypochonder. Wobei allerdings zumindest Anke Fuchs schändlich unverdient auf der Strecke blieb.
Die für die Kondition des Publikums fast unnötige Pause wurde trotzdem gern für eine Zigarette vor dem rauchfreien Stadtgarten genutzt, auch wenn man dann die zweite Dickes B-Einlage verpasste – zu viele Lyrics an einem Abend sollen ja ohnehin nicht so förderlich sein.
Finale Finale Finale: Sebastian 23 sah seine Leute nicht, weil sie sich hinter moderner Kommunikationstechnologie verstecken, Philipp Scharrenberg rief seine Muse Trigespräch  – zwischen dem Poeten, seinem ES und dem Über-Ich -, Sulaiman Masomi versuchte vergebens eine Frau abzuschleppen, Clara Nielsen dichterisch in Erinnerung zu bleiben und schließlich Tobias Kunze, der in einem offenen Brief einfach mal einen Rundumschlag gegen alles vollstreckte, was nervt. Das traf auch den Nerv der Besucher, die, von den Seismographen (zwei Mädels aus dem Publikum und den Moderatoren) ausgewertet, letzteren eindeutig und verdient, per Applaus zum Dichterkönig krönten. Er bekam die Ovationen und den „handgeblasenen und mundbemalten“ Wanderpokal, bevor der Sieger des zweiten Kontests des Abends – die Slammer hatten untereinander die Abschiedszugabe als Preis für den betrunkensten von ihnen ausgeschrieben – Andy Strauß, hysterisch kichernd, eine kleine Delphingeschichte zum Besten gab und den befürchteten Ausfall ins Positive kehrte. Dann war aber auch genug der Worte. Bis zum nächsten Mal, wieder im Tsunami Club.

Geschrieben von Birthe Ketelsen

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