Die Banalität der Liebe, Theater der Keller

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„Ich liebe dich wie am ersten Tag- das weißt du- und das habe ich immer gewusst. Der Weg, den Du mir zeigtest, ist länger und schwerer als ich dachte. Er verlangt ein ganzes langes Leben.“ Das schrieb die damals 22-Jährige Hannah Arendt an ihren Philosophieprofessor und Liebhaber Martin Heidegger. Den harten, steinigen Weg dieser Liebe und die Unfähigkeit der beiden Protagonisten, sich endgültig von dem Partner loszulösen, obwohl Ideale und Wertvorstellungen des anderen stark von den eigenen abweichen, ihnen sogar total widersprechen, hat das Theater der Keller jetzt in „Die Banalität der Liebe“ auf die Bühne gebracht.

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Auf der einen Seite steht eine junge, blühende Hannah, gerade 18 Jahre alt und fasziniert von den Fähigkeiten ihres älteren Professors. Auch er bewundert ihren wachen Geist und schnell entwickelt sich zwischen den beiden eine Affäre. Doch mehr kann daraus nie entstehen, das ist beiden klar, denn Heidegger ist verheiratet und geht die Beziehung mit Hannah nur unter der Bedingung ein, dass seine Ehe unangetastet bleibt. Nicht das einzige Hindernis, wie sich im Laufe der Zeit herausstellt: Mit der Entwicklung des Nationalsozialismus in den 30er-Jahren wird auch Heideggers Antisemitismus offensichtlich. Nicht der Jüdin Hannah gegenüber, sie ist und bleibt seine einzige große Liebe, seine Seelenverwandte, doch als Leiter der Universität diskriminiert er Juden öffentlich, ist sogar Mitglied der NSDAP. Als er Hannah nach Heidelberg schickt, um weiter von ihm entfernt zu studieren, löst sie schließlich die aussichtslose Verbindung.
Auf der anderen Seite sieht man eine gealterte Hannah, die scheinbar frei von Heideggers Einfluss lebt. Als ein junger Student der Universität in Israel sie um ein Interview zu den legendären Eichmann-Prozessen bittet, stimmt sie erfreut zu. Doch anstatt sie über ihr Werk mit dem Untertitel „Die Banalität des Bösen“ zu befragen, das einen Sturm der Entrüstung in der jüdischen Gemeinde ausgelöst hat, bohrt er immer wieder in ihrer persönlichen Geschichte und stellt Fragen, die Hannah rasend machen: Wie konnte ein Gelehrter, ein weltweit anerkannter Philosoph wie Martin Heidegger, daran glauben, dass das NS-Regime ein Fortschritt sei und es unterstützen? Wie konnte er, der eine jüdische Frau liebt, jüdische Studenten seines Campus verweisen? Und wie konnte sie, Hannah, Heidegger in Schutz nehmen, auch nach seiner nationalsozialistischen Aktivität? Schnell erkennt Hannah, dass der Student nicht der ist, für den er sich ausgibt, sondern dass er mehr über sie zu wissen scheint und noch mehr erfahren will. Schließlich offenbart er sich als Sohn ihres Kommilitonen Raffael, der zu Studienzeiten und während ihres Verhältnisses mit Heidegger in sie verliebt gewesen war. Vollkommen unverständlich sind diesem jungen Juden die Motive der älteren Frau, die unabhängig von seiner politischen Meinung in Heidegger einen brillanten Kopf und vor allem den Mann sieht, der ihr ein unabhängiges Leben beibrachte.
Die alte Hannah redet sich ob der Anschuldigungen ihres jungen Gastes in Rage, einerseits weil sie sich geschworen hat, nicht mehr über das Verhältnis zu Heidegger zu sprechen, andererseits weil sie auf viele seiner Fragen keine Antwort kennt. In einer Szene, in der die beiden Handlungsstränge schließlich zusammengeführt werden, stellt die alte Hannah einen gealterten Heidegger zur Rede, fordert von ihm Antworten, Erklärungen. Sie schreit und brüllt ihn an, wirft ihm vor, was sie all die Jahre nicht sagen, was sie einfach nicht begreifen konnte. Doch auch die junge Hannah schreitet ein, zum ersten Mal in Interaktion mit ihrem älteren Ich. Sie versucht die ältere Hannah zum Schweigen zu bringen, zählt immer wieder Heideggers gute Eigenschaften auf. So kämpft am Ende eine Seite Hannahs, die Heidegger als Menschen liebt und verehrt, mit ihrer anderen Seite, die seine Taten verurteilt und verabscheut.

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