Circus Flic Flac – Underground

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Image and video hosting by TinyPicZwei riesige Hamsterräder drehen sich jeweils am Ende einer langen Stahlstange, in jedem von ihnen läuft ein Mann und treibt das Rad durch pure Muskelkraft vorwärts. 14 Meter schwebt jedes Hamsterrad an der höchsten Stelle über dem Boden und doch laufen Tito Vanegas und William Patino nicht nur im Inneren, sie klettern über die Stahlkonstruktion, laufen außen am Rad entlang, schlagen Salti und verbinden sich trotz der wahnsinnigen Schnelligkeit und Höhe sogar die Augen. Dann, plötzlich, ein Stolperer von Tito Vanegas, er schwankt, er wankt- und fängt sich. Das Publikum schreit zuerst, dann atmet es erleichtert auf und bricht in tosenden Applaus aus.
Dieses „Todesrad“, das schon Flic Flac-Gründer Benno Kastein todesmutig bestieg, ist ein Beispiel, das den etwas anderen und ganz sicher nicht konservativen Stil des Flic Flac beschreibt. Brüllende Löwen, Clowns mit roten Nasen und Ballerinas im Tutu, die ein wenig Akrobatik vorführen, sind komplett aus der Arena verbannt worden. Hier ist jede Performance 100% Adrenalin, 100% Show. Eingebettet in eine kurze Geschichte, die zu Anfang in wenigen Sätzen von Sänger Frank Fabry erläutert und schon da mit einem fulminanten Auflauf aller Mitwirkenden verdeutlicht wird, führen die Artisten des Flic Flacs ein Spektakel auf, das für manch einen Geschmack etwas zu dick aufgetragen ist. Dazu trägt vor allem bei, dass Frank Fabry nach der theatralischen Einleitung nicht das Feld räumt, sondern immer wieder auftaucht und ganze Auftritte mit seinem sehr lauten und leider klar an Rammstein orientierten Gesang begleitet.
Dabei haben die großartigen Artisten eigentlich gar kein Drumherum nötig, befindet sich unter ihnen doch die Crème de la Crème der Zirkuswelt. Nicht nur Turner aus der kirgisischen Nationalmannschaft schwingen sich hier am Reck, auch die Töchter von Benno Kastein begeistern mit ihren herausragenden, wenn auch grundverschiedenen Darbietungen. Larissa Kastein, 21 Jahre alt, entzündet in der Arena ein Feuerwerk des Sexappeals und lässt den ein oder anderen Herren im Publikum erst einmal die Ehefrau auf dem Platz neben ihm vergessen. Lasziv räkelt sie sich an der Stange, was für Erwachsene sehr schön anzusehen, für Kinderaugen aber etwas zu stark zum Tabledance tendiert. Wohl einer der Gründe dafür, warum der Flic Flac für seine Vorstellungen eine Altersempfehlung ab 12 ausruft. Die Performance der jüngeren Tatjana Kastein hingegen ist einer der wenigen ruhigen Auftritte an diesem Abend. Die Gewinnerin des „European Youth Circus Festival“ brilliert auch hier in ihrer Spezialität, dem Handstand, und bringt das Publikum mit ihrer unglaublichen Körperbeherrschung und Flexibilität zum Staunen.
Doch wovon die Show im Flic Flac wirklich lebt, wofür das Publikum immer wieder am lautesten applaudiert, das sind die Momente, in denen man als Zuschauer befürchtet, live einen Absturz mitzuerleben. Wie bei Julia Galenchyk, die in mehreren Metern Höhe unglaubliche Verrenkungen an zwei Netzschals vorführt. Immer wieder wickelt sie sich ein, klettert ganz nach oben, lässt sich dann fallen und wird erst kurz vorm Boden doch noch von den Schals gehalten- das alles natürlich ohne Netz und doppelten Boden. Doch das ist nicht der einzige Auftritt, der den Stempel „Lebensgefährlich“ trägt und die Nerven des Publikums bis zum Zerreißen spannt. Den Höhepunkt der waghalsigen Aktionen bildet mit Sicherheit die letzte Showeinlage, für die eine große Stahlkugel in die Arena geschoben wird. In der Kugel, die noch nicht einmal 6 Meter Durchmesser hat, fahren insgesamt 8 Motorradfahrer mit bis zu 60 km/h durcheinander und lassen das Herz jeder Mutter im Publikum ängstlich höherschlagen.
Am Ende hat der Powerzirkus seinem Ruf alle Ehre gemacht. Wer subtile Performance und die leisen Töne bevorzugt, für den ist der Flic Flac zwar definitiv nicht das beste Ausflugsziel. Doch wer Lust auf eine düstere, jugendliche Show mit viel nackter Haut und Momenten hat, in denen das Herz stockt, der ist hier genau richtig.

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