Die c/o pop am Mittwoch: Tiny Vipers

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Wenn eine Frau alleine mit einer Akustikgitarre vor kleinem Publikum tiefemotionale Lieder anstimmt, liegt ein Vergleich mit Joanna Newsom immer schnell nahe. Bei Tiny Vipers beschränkt sich die Ähnlichkeit zwischen den Beiden nach eigener Aussage aber hauptsächlich darauf, dass sie beide „unheimlich“ auf Andere wirken. Damit könnte Jesy Fortino alias Tiny Vipers Recht haben. Beim Konzert im King Georg, mit dem sie den Auftakt auf der diesjährigen c/o pop machte, entführte sie ihr Publikum auf jeden Fall für eine Stunde in ferne, atmosphärische und oft dunkle Sphären. Image and video hosting by TinyPic
Für ein solches Konzert hat sich Jesy Fortino, ob gewollt oder nicht, die perfekte Location ausgesucht. Die King Georg Klubbar bietet nämlich nur Platz für wenige Zuschauer und damit umso mehr Platz für Intimität. Der Raum der ehemaligen Tabledance-Bar ist bei dem Eintrittspreis von acht Euro zwar sehr voll, sobald Jesy Fortino aber ihr kleines Podest besteigt, findet beinahe jeder einen Platz an der Theke, in den gemütlichen Sitzecken oder einfach auf dem Boden. Ihr zu weites, schwarzes Oberteil und die einfache schwarze Jeans betonen ihre Blässe, ihre schlanke Figur und die tiefen Augenringe lassen sie zerbrechlich wirken, schon bevor sie eine Saite gezupft hat. Ohne ein Wort ans Publikum zu richten, greift sie nach ihrer Gitarre, fängt an zu spielen und taucht innerhalb von Sekunden in ihre eigene Welt ein. Für einige dürfte diese Welt zu emotional, zu düster, zu introvertiert und oft zu verzweifelt sein. Doch diejenigen, die Jesy Fortinos Welt verstehen und ihr ein Stück weit folgen können, erleben einen bezaubernden und ergreifenden Live-Auftritt.
Denn Minimalismus mit riesiger Wirkung scheint nicht nur das Bühnenoutfit und die Performance betreffend Tiny Vipers Spezialgebiet zu sein, auch ihre instrumentellen Parts sind reduziert auf das Nötigste. Die Gitarre begleitet ihre Stimme alleine und auch das nur gezupft oder sogar zart gestreichelt. Dennoch gelingt es ihr häufig, eine melodiöse Dichte zu erzeugen, die hypnotisch wirkt. Immer wieder unterbricht ihre starke Stimme diese Hypnose, manchmal verzweifelt und laut klagend, oft traurig Abschied nehmend, dann wieder leise und stellenweise beinahe eintönig. Die ganze Zeit blickt sie sich nicht um, sondern hält die Augen fest geschlossen, fast so, als mache der Anblick des Publikums ihr Angst oder aus Angst, der Anblick des Publikums könnte sie aus ihrer Welt reißen.
Erst nach einer dreiviertel Stunde spricht sie ihre ersten und beinahe letzten Worte für diesen Auftritt: „This is my last song. Thanks for coming.“ Ruhig, einfach, ehrlich. Der Song, der folgt, stammt von der neuen LP „Life On Earth“ und bildet den emotionalen Höhepunkt bei einem Konzert voller emotionaler Höhepunkte. Es geht um den Tod, wie so oft bei Tiny Viper, und um den Abschied von einem geliebten Menschen. Von Jesy Fortino kann und will sich das Publikum aber noch nicht so schnell verabschieden und so gibt es anhaltenden und fordernden Applaus, der der zarten Sängerin beinahe peinlich zu sein scheint. Dennoch lässt sie sich bitten, nimmt wieder Platz und erfüllt sogar einen Wunsch, den ein eingefleischter Fan in den Raum wirft. „Outside“ soll das letzte Lied für heute Abend sein, ebenso wie es der krönende Abschluss auf der neuen Platte ist. Das wäre auch ihre Wahl gewesen, sagt Jesy, warnt aber sofort: „I usually mess that one up!“. Natürlich ist sie zu bescheiden, denn der Song gelingt ebenso wie alle anderen vor ihm. Nach knapp einer Stunde wird man dann entlassen aus Tiny Vipers Welt, immer noch bezaubert und beeindruckt, aber irgendwie auch erleichtert, dass man nicht immer darin leben muss.
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2 Antworten to “Die c/o pop am Mittwoch: Tiny Vipers”

  1. Martin Says:

    Echt gutes Foto, ich stand an dem Abend quasi gegenüber:
    Tiny Vipers - King Georg Cologne 2009
    [Schamlose Eigenwerbung]

    • Annika Says:

      Schamlose Eigenwerbung ist in dem Fall gerne gesehen :-).
      Wärs okay, wenn ich das als unteres, größeres Foto in meinem Bericht am Ende einfüge? Dein Foto ist viel besser als das, was zur Zeit drin ist!

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