Das Ende für die Scham, die Freiheit für die Vulva

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In Mithu Sanyals Neuerscheinung “Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“ befasst die 38-Jährige sich eingehend mit der Kulturgeschichte des weiblichen Geschlechtsorgans. Kein Wunder also, dass sich vor den Türen des Kulturbunkers Mülheim zu ihrer Lesung hauptsächlich Trägerinnen eben dieses Geschlechtsorgans eingefunden haben. Doch deren Geduld wird erst einmal auf eine kurze Probe gestellt: Am Eingang prangt ein weißes Schild, die Veranstaltung ist kurzfristig um eine Stunde verschoben worden. Was weiter kein Problem darstellt, denn das Café des Kulturbunkers, das eine halbe Stunde vor der Lesung dann auch die Autorin mit einem sympathischen Lächeln betritt, bietet mit netter Atmosphäre und einer kleinen, aber feinen Auswahl an Gerichten einen Unterschlupf für die Wartenden. Image and video hosting by TinyPic
Punkt 8 nimmt die zierliche Schriftstellerin ihren Platz am Schreibtisch und vorm fast voll besetzten Publikumssaal ein. Während letzte Anstrengungen unternommen werden um die Lichtverhältnisse zur Zufriedenheit aller zu optimieren (bis Autorin und Publikum sich schließlich auf so-gut-wie-dunkel einigen) werden an die Wand Werke von Künstlerinnen geworfen, die sich visuell mit dem Thema „Vulva“ beschäftigen. An Sanyals Seite: Wera Reusch, Redakteurin der Stadtrevue, die sich kurzfristig dazu bereit erklärt hat, mit ihrer Leitung aus der Lesung ein Gespräch zwischen Autorin und Publikum zu machen und immer wieder interessante Informationen einstreut. Wie zum Beispiel die, dass am selben Tag auf der Schwäbischen Alb die älteste bekannte Menschendarstellung gefunden wurde: Eine 33 Gramm schwere Frauenfigur mit einer überdimensionierten Vulva. Sanyal, die in ihrem Buch über die bisher ältesten menschlichen Figuren, die ebenfalls Frauen darstellten, berichtet, nutzt diesen Einstieg zur Untermauerung ihrer Hauptthese: Dass das weibliche Genital in früheren Zeiten als anbetungswürdig und heilig galt und erst im Laufe der Geschichte durch den von ihr „Shaming and Naming“ genannten Sprachumgang als unbedeutend degradiert wurde. Im Gegensatz zur gerne von der großbritannischen Regierung angewandten Politik des „Naming and Shaming“, bei der Straftäter öffentlich bekannt und damit oft zum Ziel tätlicher Übergriffe gemacht werden, kommt bei der Benennung der weiblichen Geschlechtsorgane die Scham zuerst- und richtet enormen Schaden beim „Naming“ an. Sanyal liefert einige erstaunliche Schadensberichte: von Eltern, die ihren Töchtern das- im übrigen medizinisch korrekte- Wort Vulva nicht als Bezeichnung für ihr Geschlechtsorgan beibringen wollen, um zu verhindern, dass sie „liderlich“ werden, bis hin zu Akademikerinnen, die zwar alle einen Penis, keine einzige aber eine erkennbare Vulva zeichnen können. Image and video hosting by TinyPic
Mithu Sanyal wehrt sich entschieden gegen die auch von Freud und Barthes vertretene These „hast du keinen Penis, hast du kein richtiges Geschlechtsorgan“. Mit glühendem Eifer zählt sie Beispiele aus anderen Kulturen und vergangenen Zeiten auf, die beweisen, dass der Umgang mit der Vulva einst ein anderer war und auch heute ein anderer sein kann. Mythen der alten Griechen, die von der Rettung ganzer Länder durch das Entblößen einer Vulva berichten, führt sie ebenso an wie biblische Beispiele und Reiseberichte aus anderen Ländern. Und ganz klar sendet sie die Botschaft aus: Wenn ihr etwas am Umgang mit der Vulva ändern wollt, müsst ihr erst ändern, wie ihr darüber redet. Denn wenn sogar von Medizinern und Feministinnen die Vulva (also das gesamte weibliche Geschlechtsorgan) permanent mit der Vagina (dem buchstäblichen Eintrittsloch) verwechselt wird, so Sanyal, beschneidet schon die Sprache ihre Bedeutung. Mit ihren auf dem Teppich gebliebenen feministischen Ansätzen, vor allem aber mit ihrer sympathischen und offenen Art, dürfte die Autorin nach fast zwei Stunden einige ihrer Zuhörerinnen vom neuen Vokabular überzeugt haben- wie ihr an der stilistisch nicht ganz feinen, dafür im Sinne Sanyals aber korrekten Mehrfachnennung des Begriffs „Vulva“ in diesem Bericht vielleicht bemerkt habt, mich auf jeden Fall.

Mithu Sanyal, Lesung am 13.05.09, Kulturbunker Mülheim

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